Reuter

Reuter,
 
1) Christian, Schriftsteller, getauft Kütten bei Halle (Saale) 9. 10. 1665, ✝ Berlin (?) nach 1712; Bauernsohn, studierte Jura in Leipzig, wurde wegen seiner satirischen Schriften von der Universität relegiert; war am Dresdner Hof ab 1700 als Sekretär eines Kammerherrn angestellt. Ein ab 1703 am Hof König Friedrichs I. in Berlin nachweisbarer C. Reuter ist von F. Zarncke 1884 mit Reuter identifiziert worden. Die stets anonymen oder pseudonymen Werke Reuters sind nach dem Muster Molières und der Commedia dell'Arte verfertigte Charakter- und Typenkomödien, die sich um eine »Frau Schlampampe« (»L'honnête Femme oder die Ehrliche Frau zu Plissine«, 1695; »La Maladie et la mort de l'honnête Femme, das ist: Der ehrlichen Frau Schlampampe Krankheit und Tod«, 1696) und ihre Familie gruppieren und mit denen Reuter seine Leipziger Wirtin verspottete. Als deren Sohn entstammt auch »Schelmuffsky« diesem lebensnah gezeichneten, wenngleich fiktiven Milieu in Reuters Hauptwerk »Schelmuffskys Wahrhafftige Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung Zu Wasser und Lande« (2 Teile, 1696/97), einer mitunter derben, teils realistischen, teils humoristischen Zeitsatire, die Züge des Schelmenromans mit der modernen Reiseliteratur verbindet und das aufstrebende Bürgertum charakterisiert. Auch in dem Lustspiel »Graf Ehrenfried« (1700) zeigt sich Reuter als hellhöriger Zeitkritiker an der Grenze zwischen Barock und Aufklärung. Dagegen sind die Werke jenes Berliner C. Reuter spätbarocke Huldigungsgedichte auf fürstliche Festgelegenheiten oder fromm-erbauliche Gestaltungen traditioneller Glaubensinhalte.
 
Ausgaben: Werke, herausgegeben von G. Witkowski, 2 Bände (1916); Werke, herausgegeben von G. Jäckel (41980).
 
 2) Edzard, Jurist und Unternehmer, * Berlin 16. 2. 1928, Sohn von 3); seit 1964 in der Daimler-Benz AG, als Vorstandsmitglied (seit 1976) v. a. tätig in den Bereichen Organisation, Planung, Finanzwirtschaft und Controlling, 1987-95 Vorstandsvorsitzender Reuter, der sich für den Ausbau des Kraftfahrzeugkonzerns zu einem integrierten Technologiekonzern einsetzte (u. a. durch den Erwerb von Dornier, MTU, AEG, Messerschmitt-Bölkow-Blohm und die Bildung globaler Allianzen), geriet mit seiner Diversifizierungsstrategie mehrfach in die Kritik und schied im Februar 1996 angesichts hoher Konzernverluste (1995: rund 6 Mrd. DM) aus dem Aufsichtsrat aus. - Reuter wurde auch bekannt als SPD-Mitglied (seit 1946) und wegen seiner öffentlichen politischen Stellungnahmen (veröffentlicht in: »Vom Geist der Wirtschaft. Europa zwischen Technokraten und Mythokraten«, 1986; »Horizonte der Wirtschaft. Über die Herausforderungen unserer Zeit«, 1993).
 
 3) Ernst, Politiker, * Apenrade 29. 7. 1889, ✝ Berlin (West) 29. 9. 1953, Vater von 2); ab 1912 Mitglied der SPD; schloss sich als deutscher Kriegsgefangener in Russland Lenin an und war kurzfristig Volkskommissar in der Wolgadeutschen Republik; 1918 nach Deutschland zurückgekehrt, trat er der KPD bei und baute die Berliner KPD-Organisation auf; 1921 Generalsekretär der KPD, 1922 Parteiausschluss und Rückkehr zur SPD. Seit 1926 als Dezernent im Berliner Magistrat; Schöpfer der Berliner Verkehrsgesellschaft. 1931-33 war er Oberbürgermeister von Magdeburg, 1932-33 auch Mitglied des Reichstags.. Nach 1933 politisch verfolgt, ging Reuter 1935 in die Türkei und lehrte dort 1939-45 als Professor für Kommunalwissenschaft in Ankara. Nach Berlin zurückgekehrt, wurde er 1946 wieder Verkehrsdezernent. Am 24. 6. 1947 wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister von Berlin; die SMAD verhinderte jedoch seinen Amtsantritt. Nach der Spaltung der Gesamtberliner Verwaltung (September bis November 1948) und der Wahl vom 5. 12. 1948, die nur in Berlin (West) durchgeführt werden konnte, übernahm Reuter am 7. 12. 1948 als Oberbürgermeister die Regierung der Stadt. In der Zeit der Berliner Blockade (Juni 1948 bis Mai 1949) konnte er den Widerstandswillen der Berliner Bevölkerung stärken. Aufgrund der neuen Verfassung von 1950 wurde Reuter am 18. 1. 1951 vom Abgeordnetenhaus zum Regierenden Bürgermeister gewählt; seit 1951 war er auch Präsident des Deutschen Städtetages.
 
Ausgabe: Schriften, Reden, herausgegeben von H. E. Hirschfeld u. a., 4 Bände (1972-75).
 
 
W. Brandt u. R. Löwenthal: E. R. (1957);
 
E. R. Sein Leben in Bildern, 1889-1953, Beitrr. v. L. Kredlau u. a. (1989).
 
Hier finden Sie in Überblicksartikeln weiterführende Informationen:
 
Deutschland: Teilung Berlins und Deutschlands bis 1955
 
 4) Fritz, niederdeutscher Schriftsteller, * Stavenhagen 7. 11. 1810, ✝ Eisenach 12. 7. 1874; studierte Jura in Rostock und Jena, wurde 1833 als aktiver Burschenschafter in Berlin verhaftet, nach drei Jahren Untersuchungshaft wegen angeblicher Majestätsbeleidigung und Hochverrats zum Tode verurteilt, zu 30 Jahren Festungshaft begnadigt und 1840 amnestiert. Nach Scheitern des Studiums wurde er 1842 Landwirtschaftseleve (niederdeutsch »Strom«), 1850 Privatlehrer in Treptow. Hier entstanden, angeregt durch K. Groths »Quickborn«, seine schwankartigen Gedichte »Läuschen un Rimels« (1853). Nach der Übersiedlung nach Neubrandenburg 1856 erschienen Reuters wichtigste Werke, das sozial anklagende Versepos »Kein Hüsung« (1858; über den Konflikt zwischen einem Tagelöhner und seinem Gutsherrn), das positive Gegenstück »Hanne Nüte un de lütte Pudel« (1860), v. a. der größte Teil der Prosaromane: »Ut de Franzosentid« (1859; eine Kleinstadtsatire aus der Zeit der napoleonischen Besetzung), »Ut mine Festungstid« (1862) sowie die ersten beiden Teile von »Ut mine Stromtid« (1862/63; mit der Darstellung bäuerlichen und kleinbürgerlichen Lebens in Mecklenburg; dritter Teil 1864 nach seiner Übersiedlung nach Eisenach) mit der Gestalt des »Unkel Bräsig«, die Geschehnissen des eigenen Lebenskreises bei erkennbar ernstem Hintergrund eine humorvolle Seite abgewinnen. Sie in erster Linie bestimmen Reuters Rang als Autor eines kritischen Realismus, der volkstümlichen Züge mit sozialkritischen Momenten verbindet und dessen Werke weit über den niederdeutschen Raum hinaus wirkten.
 
Weiteres Werk: Roman: Dörchläuchting (1866).
 
Ausgaben: Werke, herausgegeben von W. Seelmann u. a., 12 Bände (1936-37); Gesammelte Werke und Briefe, herausgegeben von K. Batt, 9 Bände (1966-67, Nachdruck 1990-95).
 
 
A. Hückstädt u. W. Siegmund: F. R. Wiss. Bibliogr. zu Leben, Werk u. Wirkung (1982);
 
F. R. Sein Leben in Bildern u. Texten, hg. v. A. Hückstädt (Rostock 1986).
 
 5) Gabriele, Schriftstellerin, * Alexandria (Ägypten) 8. 2. 1859, ✝ Weimar 14. 11. 1941; Tochter eines deutschen Kaufmanns in Alexandria, lebte ab 1872 ständig in Deutschland; nahm in München 1895-99 an der Frauenbewegung teil. In ihren Romanen (u. a. »Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens«, 2 Teile, 1896; »Ellen von der Weiden«, 1901) behandelt sie die Stellung der Frau in der modernen Gesellschaft mit emanzipatorischer Tendenz. Daneben entstanden Monographien über Marie von Ebner-Eschenbach (1904) und Annette von Droste-Hülshoff (1905).
 
 6) Hans-Peter, Maler und Objektkünstler, * Schwenningen (heute zu Villingen-Schwenningen) 3. 9. 1942; gestaltete in den 70er-Jahren v. a. menschenleere, vollständig gekachelte Interieurs, die beim Betrachter ein Gefühl des Beengtseins und der Bedrückung hervorrufen, sowie Objekte und Installationen, in denen er illusionistisch gemalte Kachelräume und tatsächlich gekachelte Flächen verband (documenta 6, Kassel 1977). Nach den Spiegel- und Lichträumen der 80er-Jahre markieren seine jüngsten Werke im Spiel mit der Wahrnehmung noch stärker die Grenze zwischen dem konkreten Raum des Betrachters und dem illusionistischen des Gemäldes.
 
 
B. Holeczek: R. (1988);
 
H. P. R. Sieben Räume - sieben Bilder, bearb. v. L. Grisebach u. a., Ausst.-Kat. Kunsthalle Nürnberg (1996).
 
 7) Hermann, evangelischer Theologe, * Hildesheim 30. 8. 1817, ✝ Kreiensen 17. 9. 1889; war Professor für Kirchengeschichte in Breslau, Greifswald, ab 1876 in Göttingen und zugleich Konsistorialrat in Breslau, ab 1881 auch Abt in Bursfelde; vertrat in Auseinandersetzung mit anderen methodischen Ansätzen (F. C. Baur; J. A. W. Neander) die historische Methode in der Kirchengeschichtsschreibung und betonte die politische Bedeutung der Kirchengeschichte 1877 gründete Reuter zusammen mit Theodor Brieger (* 1842, ✝ 1915) die »Zeitschrift für Kirchengeschichte«.
 
Werke: Geschichte Alexanders III. und der Kirche seiner Zeit, 3 Bände (1845-64); Geschichte der religiösen Aufklärung im Mittelalter vom Ende des 8. Jahrhunderts bis zum Anfange des 14., 2 Bände (1875-77); Augustin. Studien (1887).
 
 8) Paul Julius Freiherr von (seit 1871), eigentlich Israel Beer Josaphat (bis 1844), britischer Nachrichtenunternehmer deutscher Herkunft, * Kassel 21. 7. 1816, ✝ Nizza 25. 2. 1899; war 1840-48 an einem Buchverlag in Berlin beteiligt, gab bis 1849 in Paris einen Pressedienst heraus, eröffnete 1849 in Aachen eine Nachrichtenagentur, die heutige Reuters Limited; war ab 1857 britischer Staatsbürger. Reuter erkannte früh den wachsenden Markt für Wirtschaftsinformationen (z. B. Börsenkurse) und verstand es, die Technik seiner Zeit (z. B. unterseeische Telegrafenkabel) dafür einzusetzen.

* * *

1Reu|ter, der; -s, - [landsch. Nebenf. von Reiter (2a)] (Landw.): Heureuter.
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2Reu|ter, der; -s, - [zu ↑reuten]: jmd., der rodet, Waldflächen urbar macht: Der Meisen-Sepp war in seinen jüngeren Jahren R. und Waldhüter gewesen (Rosegger, Waldbauernbub 31).
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3Reu|ter, der; -s, - [wohl < mniederl. ruyter, rut(t)er = Wegelagerer, Straßenräuber < mlat. ruterus = Angehöriger einer militär. Abteilung, zu: rut(t)a, Rotte; unter Einfluss von mniederl. ruyter te peerde = Wegelagerer zu Pferde, dann als Nebenf. von 1Reiter aufgefasst]: 1Reiter (1): erzähle ihr die hübsche Geschichte von dem kecken R. (Heine, Rabbi 459); da kommt mir eine starke Patrouille entgegen, R., Fußvolk, bis an die Zähne bewaffnet (E. T. A. Hoffmann, Fräulein 7); Ganze Haufen böhmischer R. schwadronieren im Holz herum (Schiller, Räuber II, 3).

Universal-Lexikon. 2012.

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